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Geburtsgeschichte Nr.1: Evangelium nach Matthäus (2,1-23)

Jesus wird in Betlehem geboren. Er wohnt dort mit seinen Eltern in einem Haus, als Sterndeuter aus dem Morgenland zu Besuch kommen. Eine astronomische Erscheinung hat ihnen angezeigt, dass in Judäa ein König der Juden neu geboren ist.

Herodes, der amtierende König der Juden, lässt sich dahingehend beraten, dass der neugeborene König aus Betlehem zu erwarten ist. Er will das Kind töten lassen. Die Heilige Familie wird von höherer Stelle rechtzeitig gewarnt und flieht nach Ägypten. Die Leute des Herodes töten dafür andere Kinder in Betlehem und Umgebung.

Nach dem Tod des Herodes kehrt die Familie in ihr Heimatland Israel zurück, aber nicht mehr nach Judäa. Dort herrscht nun ein Sohn des Herodes, vor dem sich die Familie aus nicht näher genannten Gründen fürchten muss. Betlehem liegt aber in Judäa.

Josef, der Familienvater, entscheidet sich gegen den früheren Wohnort und zieht mit Frau und Kind nach Nazaret in Galiläa - in einen Ort, von dem bis dahin noch keine Rede war.

In Galiläa herrscht ein anderer Sohn des Herodes. Offenbar müssen sich Josef und seine Familie vor diesem Herodessohn nicht fürchten.

Der Name Betlehem wird im ganzen weiteren Evangelium nicht mehr genannt.

Geburtsgeschichte Nr.2: Evangelium nach Lukas (1,26-56; 2,1-40)

Die Geschichte der Heiligen Familie beginnt in Nazaret. Dort ist Maria, die Mutter Jesu, offenbar zuhause, und dort wird sie schwanger. Von Nazaret aus zieht Josef mit Maria kurz vor dem Geburtstermin nach Betlehem. Die Reise kann bis zu fünf Tage gedauert haben.

Die räumlichen Gegebenheiten in Betlehem veranlassen die Mutter, ihr neugeborenes Kind in eine Krippe zu legen. In der Nacht des Geburtstages erfahren Hirten auf dem Feld davon. Sie gehen nach Betlehem, um das Kind in der Krippe zu sehen.

In Betlehem und von Betlehem aus erfüllen Vater, Mutter und Sohn die für Erstgeborene und Wöchnerinnen vorgeschriebenen Rituale des mosaischen Gesetzes. Nach etwa 33 Tagen kehren sie wieder nach Nazaret zurück - in einen Ort, der ausdrücklich als ihre Stadt bezeichnet wird.

Im Zusammenhang mit dem Jesuskind fällt niemals der Name Herodes.

Der Name Betlehem wird im ganzen weiteren Evangelium nicht mehr genannt.

Historisch gesehen sind die beiden Überlieferungen kaum miteinander zu vereinbaren

Matthäus geht ganz offensichtlich davon aus, dass die Heilige Familie bis zur Flucht nach Ägypten in Betlehem zuhause war.

Lukas stellt den Aufenthalt der Heiligen Familie in Betlehem wie einen kurzen Besuch aus Nazaret dar.

Matthäus knüpft an die Geburt in Betlehem drei historisch bedeutsame Ereignisse:
 
- den aufsehenerregenden Besuch der Sterndeuter,
- die lebensbedrohende Verfolgung durch Herodes und
- die dramatische Flucht nach Ägypten.

Anschließend siedelt er die Familie in einer Gegend Israels an, in der sie vorher offenbar noch nicht gewesen ist.

Lukas erzählt seine Jesusgeschichte so, als hätte es all das nicht gegeben, worüber Matthäus berichtet. Dabei gilt gerade Lukas als der Historiker unter den Evangelisten. Wenn Lukas sich auch nur annähernd selbst als Historiker verstanden hat und derart wichtige Ereignisse auslässt, dann drängt sich der Verdacht auf, dass es sich bei den Ereignissen, die Matthäus schildert, nicht um historische Ereignisse gehandelt hat.

Dabei ist es wiederum Lukas, der in seiner Vorgeschichte am meisten über Maria berichtet. Er hätte über die von Matthäus berichteten Ereignisse, die doch vor allem auch Maria betrafen, am ehesten Bescheid wissen müssen. Die merkwürdigen Besucher aus einem fernen Land, die tödliche Bedrohung durch einen grausamen Herrscher und die überstürzte Flucht mit Mann und Kind dürften bei der jungen Mutter Maria nachhaltigen Eindruck hinterlassen haben.

Lukas schreibt dazu nichts. Dagegen überliefert er ansonsten bemerkenswerte Details von Maria. Insbesondere berichtet er ausführlich über die Ereignisse beim Beginn ihrer Schwangerschaft. Lukas äußert sich gelegentlich sogar über die persönlichen Gedanken Marias zu all den Merkwürdigkeiten, in die sie verwickelt wird. Wenn Lukas das nicht seinerseits erfunden hat, muss er aus Quellen geschöpft haben, die auf Maria selbst oder zumindest auf ihre engere Umgebung zurückgehen.

Gesetzt nun, die Geschichten des Matthäus wären historische Berichte, dann muss unterstellt werden, dass Maria einerseits zwar Gedanken über ihre intimsten Angelegenheiten geäußert hat, andererseits aber zu den bedeutsamen und folgenschweren äußeren Ereignisse, von denen Matthäus berichtet, geschwiegen hat. Es muss weiterhin unterstellt werden, dass Menschen aus der Umgebung Marias, denen diese Ereignisse bekannt gewesen sein dürften, ebenfalls geschwiegen haben, falls Maria nicht selbst darüber geredet hat. Oder es muss unterstellt werden, dass Lukas diese Ereignisse zwar kannte, aber bewusst darauf verzichtet hat, über sie zu berichten.

All diese Unterstellungen sind wenig plausibel. Ausgerechnet der Historiker unter den Evangelisten hätte dann auf die Erwähnung der wichtigsten historischen Ereignisse aus dem frühen Leben des Jesusknaben verzichtet, während er als Nichtjude ausführlich über sehr private jüdische Rituale berichtet, die - historisch gesehen - insbesondere für Nichtjuden eher belanglos sind. Das macht wenig Sinn.

Wenn wir Lukas also den Zuschlag für annähernd historisch orientierte Berichterstattung geben wollen, dann scheiden die in der Vorgeschichte des Matthäusevangeliums genannten Ereignisse als historische Begebenheiten aus.

Dann kann das Matthäusevangelium aber auch nicht mehr zur historischen Bestimmung des Geburtsortes Jesu ernsthaft herangezogen werden. Wenn alle Geschichten zum Geburtsort historisch falsch sind, dann ist es wenig plausibel oder zumindest fragwürdig, wenn allein der Name des Geburtsorts historisch zutreffend sein soll.

Zur Bestätigung Betlehems als Geburtsort Jesu kann nach historischen Kriterien also kaum auf das Matthäusevangelium verwiesen werden.

Wenn Matthäus als Historiker ausscheidet, ist Betlehem mit Lukas noch lange nicht gerettet

Unter den genannten Voraussetzungen hängt die Anerkennung Betlehems als Geburtsort Jesu allein von der historischen Glaubwürdigkeit des Lukas ab. Um diese Glaubwürdigkeit ist es aber schlecht bestellt, wenn man die von Lukas erwähnten historischen Einzelheiten genauer untersucht.

Fachleute wissen, dass sich die Darstellung des Lukas von einer aus steuerlichen Gründen veranlassten Reise nach Betlehem und ihre steuerliche Veranlassung kaum mit den historischen Erkenntnissen aus jener Zeit stützen lässt. Bestenfalls ein Apologet der Heiligen Schrift, aber kaum ein Historiker nimmt dem Lukas diese Geschichte als historische Berichterstattung ab.

Das Verständnis dafür, dass ein verantwortungsbewusster Familienvater mit einer hochschwangeren Frau eine beschwerliche Reise unternimmt, nur um gerade zum Geburtstermin in einer Stadt anzukommen, in der er noch nicht einmal im Voraus für angemessenes Quartier gesorgt hat, fällt schon menschlich gesehen sehr schwer.

Dass er dort nicht von Verwandten aufgenommen wird, obwohl er von dort stammt und doch offenbar auch noch etwas zu versteuern hat, macht die Sache noch fragwürdiger.

Es fehlt aber vor allem die historische Begründung dafür, dass irgendein Untertan des römischen Kaisers aus steuerlichen Gründen zu einem bestimmten Termin mit einer schwangeren Frau mehrere Tagesreisen von seinem Wohnort entfernt persönlich am Wohnort entfernt persönlich am Ort seiner Vorfahren erscheinen musste.

Dass der Kaiser in Rom zur Zeit Herodes des Großen überhaupt eine steuerliche Erfassung für Palästina angeordnet hat, wird von Historikern bezweifelt und mit der Begründung abgelehnt, dass zum königlichen Status dieses Herodes selbstverständlich das Recht gehörte, Steuern im eigenen Namen und für eigene Rechnung zu erheben. Hätte der Kaiser Geld aus dem Land ziehen wollen, dann hätte er es von Herodes gefordert, und Herodes hätte es für sich wieder eintreiben können.

In keinem Fall aber wäre es einem Kaiser Augustus eingefallen, alle Untertanen des Reiches zur steuerlichen Erfassung in die Stadt ihrer Vorfahren zu beordern, unabhängig davon, wie weit sie dafür hätten reisen müssen. Ein solcher Befehl macht steuerpolitisch keinen Sinn und wäre ordnungspolitisch die reinste Katastrophe. Weder der Kaiser in Rom noch ein von ihm abhängiger König Herodes konnten ein Interesse daran haben, dass es aus rein steuerlichen Gründen zu einer Art Völkerwanderung kommt, schon gar nicht auf einem zu ständigen Unruhen neigenden Territorium, wie es von Palästina seit alters her gesagt werden kann.

Historiker können auch darauf verweisen, dass es über die steuerlichen Maßnahmen des römischen Kaisers und seiner Beauftragten für den fraglichen Zeitraum gute Belege gibt. Nur unter spitzfindiger Umdeutung und phantasievoller Ergänzung dieser Belege lässt sich für das Ende der Regierungszeit des Herodes historisch eine solche kaiserliche Maßnahme herbeireden, wie sie von Lukas überliefert wird. Bei gesicherten Erkenntnissen über zahlreiche andere Besteuerungsvorgänge im Römischen Reich fehlen solche Erkenntnisse ausgerechnet für den Vorgang, an den die christliche Überlieferung das weltbewegende Erscheinen ihres Erlösers knüpft.

Als das Christentum im 4. Jahrhundert Staatsreligion wurde, konnte es in Rom einen funktionierenden Verwaltungsapparat mit unzerstörten Archiven übernehmen. Fachleute wissen, dass sich schon ein früher Kirchenschriftsteller wie Tertullian im Kampf um die historische Glaubwürdigkeit der christlichen Überlieferung auf diese Archive berufen hat, sie wissen aber auch, dass es weder diesem brillanten Anwalt kirchlicher Interessen noch irgendeinem seiner Nachfolger vergönnt war, der Welt ein Dokument vorzulegen oder zu benennen, mit dessen Hilfe die Angaben des Lukas hätten gestützt werden können.

Als Ergebnis dieses Überblicks kann daher festgehalten werden:

Die von Lukas überlieferte Begründung für die Reise Josefs nach Betlehem ist historisch nicht glaubwürdig

Mit der Diskussion im Detail und mit den einzelnen Belegen wird sich ein gesondertes Kapitel befassen.

Matthäus und Lukas sind nicht nach den heute gültigen Regeln der Historiker angetreten

Wer behauptet, die Evangelisten hätten jeder für sich echte historische Tatsachen überliefern wollen, muss zugeben, dass sich die Evangelisten dann historisch gesehen gegenseitig ausgespielt haben, ob bewusst oder unbewusst, sei dahingestellt. Wäre es ihnen wirklich um solche Tatsachen gegangen, dann darf bei all der Umsicht und Klugheit, mit der sie sonst in ihrem Werk vorgegangen sind, davon ausgegangen werden, dass sie sich bezüglich korrekter historischer Angaben untereinander abgestimmt hätten, allein schon deshalb, um es ihren Kritikern nicht allzu leicht zu machen.

Die Verständigung untereinander dürfte kein Problem gewesen sein. Die Kommunikationsmöglichkeiten jener Zeit können gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Das Neue Testament selbst liefert dafür den besten Beweis.

Zahlreiche Schriften, insbesondere die umfangreiche Verkündigung des Apostels Paulus, sind in Form von Briefen herausgegeben. Das lässt von Briefen herausgegeben. Das lässt auf eine organisierte Belehrung der Gemeinden und auf schriftlichen Gedankenaustausch schließen. Die Evangelien wurden später als die Briefe, die Kindheitsgeschichten später als die Evangelien geschrieben.

Die Verfasser der Kindheitsgeschichten konnten also auf eine bewährte und weit verbreitete christliche Schreibkultur zurückgreifen und hätten das Risiko einer angreifbaren historischen Berichterstattung nicht einzugehen brauchen. Dass sie dennoch ihre Geschichten so schrieben, wie sie heute vorliegen, zeigt, dass sie von ganz anderen Voraussetzungen ausgegangen sind. Es ging ihnen offenbar nicht um historische Berichterstattung. Sie sind damals einfach nicht mit den Historiker-Spielregeln angetreten, nach denen sie heute ausgepunktet werden.

Zu ihren Spielregeln gehörte es vielmehr, dass in eine religiöse Erbauungsschrift historische Details eingeflochten werden dürfen, auch wenn sie real nichts mit dem Inhalt zu tun haben und räumlich wie zeitlich sogar weit davon entfernt sind. Nach diesen Spielregeln konnte ein Verfasser religiöser Schriften jedes historische Ereignis willkürlich aufgreifen und mit dem Inhalt seines Werk verknüpfen, sofern es nur geeignet war, der Schrift einen tieferen oder umfassenderen theologischen Sinn zu geben.

Gäbe es nur eine und nicht zwei Vorgeschichten zu Betlehem, so wäre es vielleicht noch möglich zu behaupten, diese eine Geschichte enthalte wenigstens als historischen Kern die Tatsache, dass Jesus in Betlehem geboren ist. Geschichten in zwei verschiedenen Evangelien mit jeweils eigenständigem historisch unzutreffendem Beiwerk, das sich gegenseitig eher ausschließt als ergänzt, solche Geschichten verstärken dagegen den Eindruck, dass es hier gar nicht um den Bericht über ein historisches Ereignis geht sondern um einen religiösen Gedanken, der lediglich mit historischen Assoziationen erzählerisch vertieft oder ausgeschmückt werden soll.

Den Evangelisten ist deswegen jedoch kein böser Vorwurf zu machen. Es kann durchaus sein, dass sie ursprünglich für ein Publikum geschrieben haben, das die Bedingungen und Spielregeln solcher religiöser Geschichten gut kannte und sich der schriftstellerischen Freiheit historisierender Assoziationen durchaus bewusst war.

Wenn überhaupt jemandem ein Vorwurf zu machen ist, dann vielleicht denjenigen, die irgendwann damit angefangen haben, diese zur religiösen Erbauung geschriebenen Geschichten als historische Berichte auszugeben. Was einmal als schöpferisch freizügige historische Assoziation gedacht war, sollte nun realitätsbezogene Aussage mit der Qualität einer eidesstattlichen Erklärung sein. Diese Umfunktionierung des schriftstellerischen Gestaltungselements zum historischen Zeugnis kann als intellektueller Sündenfall der christlichen Überlieferung bezeichnet werden.

Als Folge dieses Sündenfalls steht die christliche Überlieferung schon lange unter Dauerbeschuss kritischer Forscher. Dabei muss sie manche liebgewonnene Position räumen, die sie jahrhundertelang als historische Wahrheit verteidigt hat. Betlehem ist ein prominentes Beispiel.

Dass Betlehem als historischer Geburtsort Jesu preisgegeben werden muss, ist schmerzlich aber wohl unvermeidlich.

Ende

Die Betlehemtradition und Betlehem sind Artikel der Internetpräsenz Bibelkritiker
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